Schuhcaffè „klassisch – schaffen wir leider nicht“

20.01.2016 11 2 13min
Mit dem Schuhcaffè bringt Marco Flippig ein Stück original-italienische Modekultur nach Hannover. In seinem Geschäft in der Altstadt, gegenüber des Holzmarktbrunnens gelegen, werden ausschließlich in den Marken handgefertigte Lederschuhe, aber auch Taschen angeboten. Die avantgardistischen Modelle sind nicht nur in optischer Hinsicht außergewöhnlich.
Mit einem leichten Knarzen öffnet sich die massive Doppeltürhälfte des Ende der 90er renovierten Fachwerkhauses, welche in das überschaubare Reich von Marco Filippig und seinem Schuhcaffè-Team führt. Hinter dem Holztresen steht ein Vollbärtiger, mit mittellangem Haar und blickt mit ernster Mine seinem Besuch entgegen. Es duftet nach frischem Kaffee und im Hintergrund brilliert Adelle dezent mit ihrem James-Bond-Soundtrack „Skyfall“. Doch die Strenge täuscht. Das Filippig ist ein durchaus sympathsicher und eloquenter Typ ist, offenbart sich schon nach einem kuzen Wortwechsel.

Kaum hat man sich gegenseitig vorgestellt und die Hände geschüttelt, klingelt das Telefon. Entschuldigend hebt Marco – man möge ihn bitte Duzen – ab. Was dann folgt, ist ein verbales Temperament-Feuerwerk aus deutsch, englisch und italienisch, gespickt mit Micorgags und herzlichen Lachern. Bei dem Gesprächspartner am Ende der Leitung handelt es sich um einen langjährigen Kunden und Freund, der vor einigen Jahren in die USA ausgewandert ist, wie Marco im Anschluss erzählt. Auch wenn er nun über 6000 Kilometer vom Schuhcaffè entfernt lebt, möchte man nicht auf die von seinem Händler des Vertrauens handverlesenen, italienischen Edeltreter verzichten. Noch am selben Abend gehen ein Paar Budapester aus Vitellorauleder Namens „Ben Affleck Nubuk“ und ein Paar „Will Smith-Chelsea Boots“ aus gewaschenem Büffelleder auf die Reise.
Marco ist schwer zu bremsen, wenn er einmal mit dem Schnacken anfängt. „Ich bin ein bisschen der Clown der Altstadt.“
Wenn Marco von seinem Geschäft spricht, spürt man seinen Stolz und die Leidenschaft für sein Unternehmen. Filippig selbst ist zwar nicht „Made in Italy“, aber es fließt echtes südländisches Blut in ihm. Der Gastronomen-Sohn einer spanischen Mutter und eines italienische Vaters hat von Kindesbeinen vorgelebte Eigenschaften seiner Eltern wie Elan, familiäre Emotionalität und Kontaktfreudigkeit verinnerlicht, wie er sagt.

Pures Made in Italy findest nicht in Barcelona, dass findest du nicht Hamburg. Das findest nur nirgendwo in Europa, nur hier.
Die Stilsicherheit der Südeuropäer scheint Marco ebenfalls geerbt zu haben, wenn man sich so in seinem Geschäft umschaut. Zwischen den nostalgischen Deko-Objekten, wie einer manuellen Nähmaschine und edlen Espresso-Maschinen, gesellt sich weitere, männliche Schuh-Prominenz, wie Beispielsweise der „Pep Guardiola Brown“, der „Reinhold Messner Fango“ oder der „Billy Idol Black“. Die Damen-Modelle sind zwar namentlich nicht populär, dafür klingen „Bridget Blu“, „Cassandra Black“, „Paola“ oder „Heidi Chocolata“ nach verheißungsvoller, italienischer Grazie.
Insgesamt mutet auch das weiterer, wohnzimmerartige Interieur edel und warm an. Man sieht, dass sich hier viel Mühe gegeben worden ist, Elemente wie dunkles Holz, das geschmeidige Leder der Schuhe, sowie die Mischung aus rustikaler und moderner Dekoration mit einander in Einklang zu bringen . Die Espresso-Maschinen sind im Übrigen Originale – Baujahr 68 und 72. Geschenke seines Padres, welcher deren Restaurierung zu seinem Hobby gemacht hat. Schmunzelnd gibt Filippig zu, dass die geschaffene Atmosphäre, samt Kaffee-Duft und musikalischer Untermalung, auch Teil seiner Marketing-Strategie ist. Dabei aber authentisch zu bleiben, wie er versichert, ist ihm persönlich sehr wichtig.
Vor allem was die Auswahl seiner Produkte betrifft, ist der gebürtige Hannoveraner unnachgiebig. Zu seinen Qualitätskriterien gehören nicht nur die Verarbeitung von hochwertigen Rohstoffen und ein einwandfreies Endprodukt, sondern auch der ethisch korrekte Umgang mit allen Beteiligten seitens der Schuhmanufakturen.

Kinderarbeit, Ausbeutung, Gesundheits- und Umweltschädliche Stoffe – dulde ich alles nicht.
Und um den Nachhaltigkeits- gedanken zu unterstreichen, ergänzt Filippig, dass 97% der Schuhe vegetabil, also mit pflanzlichen Stoffen, gegerbt seien. Nachhaltigkeit ist zwar ein Wort, was er in Kundengesprächen ungern in den Mund nimmt – „das hängt den Leuten zum Hals raus“, bringt aber sein Geschäftsprinzip auf den Punkt und war vor 18 Jahren nicht zuletzt Teil seiner Intention, ein eigenes Schuh-Geschäft zu eröffnen. Damals kündigte Marco seinen Job bei einem der größten Schuhhandelsketten Deutschlands, bei dem er sich nach dem Studium am Europäisches Bildungsforum des Schuhbandes in Mainz, zum Leiter von über 50 Filialen hochgearbeitet hatte. „Mir wurde das alles zu chinesisch“. Er wollte zurück zu Wurzeln, wie er sagt.

Wo die Wurzeln sind, wird der höchste Erfolg erreicht werden.
Und so begann er, Kontakte zu italienischen Schuh- manufakturen zu knüpfen und sein Konzept in die Tat umzusetzen. Die Meisten seiner Lieferanten sind mit ihren Fabriken in der italienischen Gemeinde Montegranaro, in der Provinz Ferme in den Marken, nahe der Adria-Küste angesiedelt. Marco kennt sie alle persönlich. Kleine Familienbetriebe, die meist nicht mehr als 20 Mitarbeiter beschäftigen. Hier wird noch nach alter Handwerkstradition jeder einzelne Schuh in diversen Produktionsschritten in Handarbeit zusammen gesetzt.

Die marken

Nur die hochwertigsten Leder werden verarbeitet und um das zu gewinnen, beginnt die Nachhaltigkeitskette bereits bei der Züchtung der Tiere. Würden diese bereits schlecht behandelt werden, würde sich das auf die Qualität des Leders auswirken. Zu enge Ställe führen zu aggressivem Verhalten, sodass die Tiere sich gegenseitig Wunden durch Bisse zufügen, wie Filippig erklärt. Minderwertiges Futter beeinflusst das Wachstum und letzten Endes die Widerstandsfähigkeit der Haut. Spätestens beim groben Weiterverarbeitungsprozess des Gerbens, macht sich die schlechte Qualität in Form von Rissen und Löchern in der Tierhaut bemerkbar. Er habe natürlich habe er auch einen realistischen Blick auf sein Geschäftsprinzip, weswegen er nie garantieren könne, dass seine Produkte bis ins letzte Detail ethisch einwandfrei sind. Jedoch scheue er weder Kosten noch Mühen, dem so nahe wie möglich zu kommen.



Die Unterstützung der Familienbetriebe habe ich mir auch ins Herz geschrieben.
Bei seinen Besuchen schaut Marco nicht nur nach dem Rechten, sondern es wird auch der Erfolg der einzelnen Modelle besprochen. Verkaufen sich bestimmte nicht so gut, erörtert Filippig mit dem „Titulare“ die gewünschten Abwandlungen. Dabei geht er nicht nur vom eigenen Geschmack aus, sondern hat bereits im Vorhinein die aktuellen Trends und Kundenwünsche sehr genau analysiert. Durch das rein manuelle Produktionsverfahren ergibt sich eine hohe Flexibilität, sodass kurzfristige Änderungen im Design kein Problem für die Schuhmanufakturen darstellen und kreativen Spielraum gewährt. „Da ich selber in einem Familienbetrieb aufgewachsen bin, liebe ich es, so zusammen zu arbeiten, zu wachsen und auch die Probleme zusammen zu lösen.“ Die individuell ausgearbeiteten Modelle werden jedoch stets unter Bewahrung der Mentalität der Schuhfabriken produziert. „Das ist Ehrensache“, beteuert Filippig.
Das die Italiener nicht nur optisch einen hohen Anspruch an ihre Mode haben, sieht Marco in ihrer sozialen Kultur begründet. „Das Merkt man in der auch in der Sprache, in der Gestik, in der Kommunikation, im Leben.“ Schließlich sei man auch viel mehr draußen als die Deutschen. „Wetterbedingt.“ , setzt er nach und lacht.
Neben herkömmlichen Sorten wie Kalbsleder, hat das Schuhcafè ebenfalls Exotisches wie Python, Echse oder Känguru im Repertoire, auch kombiniert. Spezielle Waschungen und anschließende Färbemethoden wie das Eintauchen oder das Auftragen mit einem Schwamm sind Teil des Designprozesses.
Wenn ich den Leuten erkläre, dass die Schuhe gewaschen sind, schüttelt jeder nur den Kopf.
Doch genau das mache sie so einzigartig und nicht kopierbar. Die aufwendigen Fertigungstechniken, wie zum Beispiel das Durchnähen oder Rahmennäher, verhülfen den echten Italienern zu einer Langlebigkeit und Robustheit, die maschinell nicht realisierbar wäre, schwärmt Marco und fährt dabei mit über die Naht eines rotbraunschwarz gefärbten Budapesters.

„Manchmal kommen auch Leute und wollen einen klassischen Schuh haben. Das schaffen wir leider nicht. Denn wir haben uns für Design entschieden.“ Und weiteres mal legt sich ein selbsbewusstes Grinsen über sein Gesicht. Seit 2009 steht die eigene Schuhcaffè-Kollektion in den Regalen. Gemeinsam mit seiner Frau, der Grafikdesignerin Svenja Cordes, entwickeln die beiden eigene Entwürfe. In Zusammenarbeit mit ihren italienischen Partner-Fabrikanten kreieren sie dann das finale Modell, denn die beiden wissen deren technischen und gestalterischen Rat zu schätzen.
Die Damen-Schuhcaffè-Kolltektion von 2015. Entwickelt von Marco und seiner Frau in Zusammenarbeit mit der Manufakur
In dem Moment, wo ich dir etwas über die Qualitäten erzähle, nimmst du mir das nicht ab.
Auch wenn Marco ein kommunikativer Mensch ist, hält er sich bewusst bei der Beratung seiner Kunden zurück, wenn es um die Thematik Hochwertigkeit geht. Viel wichtiger ist es ihm, betont er, dass man sich Zeit nimmt sich von seinen Produkten inspirieren lässt und sie ausprobiert. Auf Nachfrage erkläre er dann auch gerne die vielen Facetten. Dann kommt man auch in den vollen Genuss südländischer Gastfreundschaft und es wird einem ein original 24grad-Espresso serviert.
Vielen Dank, Marco. 
Wir sehen uns im Schuhcaffè.

Schuhcaffè

Schuhgeschäft
Holzmarkt 3
30159 Hannover
T 0511 3530680
E mail@schuhcaffe.de
W schuhcaffe.de
geöffnet 11:00–19:00 Uhr Uhr

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