24grad „Ein ort, an dem ich sein möchte und nicht sein muss.“

18.01.2016 21 1 16min
Die Inhaber der Kaffeerösterei und Cafés 24grad, Jürgen Piechaczeks und Markus Glaubitz, hatten für ihr Geschäft eigentlich ganz andere Pläne. Die Idee, benachteiligten Kaffeebauern nachhaltig zu unterstützen, stellt nach wie vor die Basis ihres Konzepts. Doch dank der hartnäckigen Hannoveraner, kann man auch als Café-Gast sich entspannt daran beteiligen und erleben, dass „Kaffee nicht gleich Kaffee“ ist.
Unauffällig, fast dezent reiht sich das 24grad zwischen einem Friseur-Salon und einem Bekleidungsgeschäft fast mittig des Engelbosteler Damms ein. Vor der großzügigen Glasfront sind ein paar Sessel aus den 50er- und 60er-Jahren und dazu passend stilechte Nierenbeistelltische aufgebaut. Das rustikale Möbelensemble wirkt durch seine Konsequenz irgendwie stilvoll und vor allem einladend gemütlich. Eine auf volle Breite gespannte purpurne Markise spendet auch an diesem sonnigen Tag den Café-Gästen wohltuenden Schatten. Bereits vom Weiten leuchtet sie
Wir haben noch nicht mal ein Schild und das ist Regel und Methode.
wegweisend und nivelliert die Tristesse der grauen Fassade. Das sich hinter dieser ein kleiner Kaffee-Gourmet-Tempel befindet, ahnt man von außen nicht. Weder ein großer Schriftzug, noch eine Tafel verkünden, dass man hier sehr hochwertige Kaffee-Spezialitäten bekommt. Das gehört zum Konzept, wie Markus Glaubitz, einer beiden Geschäftsführer, noch später im Gespräch erklärt.

Beim Betreten des Gastraums zeigt sich, das sich auch hier das „Less-is-More“-Prinzip durch zieht. Die Kombination der gleichen nostalgisch anmutende Holz-Polster-Sessel wie im Außenbereich, mit der sonst stark reduzierten Innenarchitektur, bilden einen eigenwilligen, uniquen Retro-Industrie-Look. Statt billiger Plastik-Möbel und Bohnen-Close-Ups als Art-Dekor, wirkt jedes Objekt für sich fast skulptural, als würde man eine moderne Kunstausstellung betreten. Spätestens bei der Frage nach einem einfachen Kaffee an der Verkaufstheke, wird dem Ahnungslosen klar, dass die Kaffee-Welt wesentlich vielfältiger ist, als er in seinem Leihen-Dasein angenommen hat. Das 24grad-Team ist von den Meistern persönlich geschult und stellt entsprechend direkt die Gegenfrage, was für eine Art von Kaffee man denn wünscht. An der hinteren Wand, vor der die Verkaufstheke aufgebaut wurde, ist mit schwarzen, selbstklebenden, fetten Lettern die Kaffee-Getränkekarte in Handarbeit angebracht. Sie offenbart, dass man sich zunächst für eine Filtermethode entscheiden muss. Um die Durstenden nicht direkt zu überfordern, braucht man nur zwischen Handfilter, French Press oder dem Filterkaffee des Tages wählen. Fällt die Wahl auf Handfilter oder Frenchpress, darf man noch eine dreizehn Sorten bestimmen. Zur Linken präsentieren sich dazu alle Varianten in Form von weißen Tüten mit bunten Labels. Es aber auch, wenn man sich für „eher kräftig“ oder „eher mild“ entscheidet. Und dann geht es los. Mit geschickten Handgriffen und fundiertem Barista-Fachwissen wird einem vor Augegeführt, dass jedes Detail auf einander abgestimmt sein muss, um am Ende die vielfältigen Geschmacksnuancen zu ernten.
Der Kaffeegürtel. Nur zwischen dem 23° Breitengrad nördlicher und dem 25° Breitengrad südlicher Breite wachsen Kaffeepflanzen.
Der Kaffeegürtel. Nur zwischen dem 23° Breitengrad nördlicher und dem 25° Breitengrad südlicher Breite wachsen Kaffeepflanzen.
Der Kaffeegürtel. Nur zwischen dem 23° Breitengrad nördlicher und dem 25° Breitengrad südlicher Breite wachsen Kaffeepflanzen.
Der Kaffeegürtel. Nur zwischen dem 23° Breitengrad nördlicher und dem 25° Breitengrad südlicher Breite wachsen Kaffeepflanzen.
Der Kaffeegürtel. Nur zwischen dem 23° Breitengrad nördlicher und dem 25° Breitengrad südlicher Breite wachsen Kaffeepflanzen.
Der Kaffeegürtel. Nur zwischen dem 23° Breitengrad nördlicher und dem 25° Breitengrad südlicher Breite wachsen Kaffeepflanzen.
Der Kaffeegürtel. Nur zwischen dem 23° Breitengrad nördlicher und dem 25° Breitengrad südlicher Breite wachsen Kaffeepflanzen.
Neben dem – für hannoversche Verhältnisse – außergewöhnlichen innenarchitektonischen Stil – ist es wohl das Streben nach dem perfekten Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine, was das 24grad auszeichnet. Jürgen Piechaczeks – Deutscher Cup Testing Meister 2013 – und Markus Glaubitz kann man mit Recht als Experten im Bereich Kaffee bezeichnen, welche mit ihren Kenntnisse über die Materie und handwerklichem Geschick fähig sind, aus einer getrockneten Frucht, eine ungeahnte Aromenvielfalt herauszuholen und sie schließlich in ein flüssiges Geschmackserlebnis zu verwandeln. Die Sortenauswahl der Rohbohnen trifft Jürgen Piechaczek, der nach Abschluss seines ersten Studiums bei einen namhaften Aromenproduzenten seinen feinen Geschmackssinn und generell sensible Sensorik entdeckte. Nur hochqualitative Ware, die sich unter anderem durch Unversehrtheit der einzelnen Bohnen auszeichnet, wird möglichst direkt von verschieden Kleinbauern bezogen. Das der Einkauf des Rohstoffs weitestgehend ohne Zwischenhändler passiert, ist ein wichtiger Bestandteil des Konzepts.
Markus Glaubitz und Jürgen Piechaczek.
Globalisierung positivgestalten, dass ist unsere Mission.
„Globalisierung ist an sich nicht negativ, weil sie es einem leichter macht, Dinge wie Kaffee hierher zu bekommen. Nur wie sie ausgenutzt wird, ist in den meisten Fällen negativ. Da wollen wir eben zeigen, dass es auch anders geht.“ So organisieren sie durch direkten Kontakt zu den Bauern bzw. Bauernverbänden, den Transport von der Plantage bis zum Ladenlokal selbst, um den Produzenten einen angemessenen Preis zahlen zu können.

Die riesige schwarzen Tafel, welche sich über die gesamte rechte Wand erstreckt und den im Minimal-Stil gehaltenen Raum dominiert, visualisiert anschaulich, aus welchem Teil der Erde, die Ware bezogen wird. Bei der darauf mit weißer Kreide skizzierten Weltkarte, wurde nicht wie üblich Europa ins Zentrum gerückt, sondern der topographische Bereich zwischen dem dreiundzwanzigstem und siebenundzwanzigsten Grad, nördlicher und südlicher Breite – markiert durch die zwei gestrichelten Linien. Nur in diesem sogenannten Kaffeegürtel wächst die Flora, welche den begehrten Rohstoff bereit hält. Die farbig ausgefüllten Ländern zeigen, wo Glaubitz und Piechaczeks ihre Rohbohnen konkret einkaufen. Dazu gehören Indien, Äthiopien, Kenia, Peru, Ecuador, Kolumbien, Guatemala und Costa Rica.

Wir wollten damals einen Namen haben, der ein Konzept darstellt.
Von dieser Karte leitet sich auch der Name des Ladenlokal-Cafés ab. Es sollte klar sein, dass etwas anderes dahinter steckt, als nur eine Gastro, Café oder sonst etwas.“ 23 bis 27 schien den Gründern doch etwas sperrig, man musste sich also für eine Zahl entscheiden. Das die Wahl auf die fie 24 fiel, begründe sich in den verschieden, positiven Assoziationen, die man verbinde, erzählt Markus. Vor allem aber, dass sie beide, Glaubitz und Piechaczek, am 24. geboren sind, ergänzt er grinsend.
Der Kaffeegürtel. Nur zwischen dem 23° Breitengrad nördlicher und dem 25° Breitengrad südlicher Breite wachsen Kaffeepflanzen.
Die importierten, getrockneten Bohnen werden dann in der hauseigenen Rösterei weiterverarbeitet. Eine komplexe Thematik, dessen jede einzelne Variable Auswirkung auf das Endprodukt hat. Ausschlaggebend ist vor allem die Wahl der Röstmaschine. Glaubitz und Piechaczeks nutzen eine sogenannte „Roastary“. Bei dieser Maschine wird ein Heißluftstrom erzeugt, der die komplette Bohne durchdringt und somit in der Lage ist, ein gleichmäßiges Röstbild zu erzeugen. Diese sogenannte Konvektionsröstung wirkt sich prägnant auf den Geschmack des später gebrühten Kaffee aus. Über Faktoren wie Temperatur und Zeit lassen sich aus den unterschiedlichen Bohnen-Sorten, jeweilig gewisse aromatische Nuancen herausfiltern.
Sollte man die Bohnen dann in Eigenregie mahlen, ist auch hier Fachwissen erforderlich.Mit minderwertigen Mühlen zerstörte man die mühselig produzierten Aromen. Genauso wie mit Milch wie Glaubitz energisch versichert. Milch nivelliert nämlich jedwede Arotmen. Um die zerstörerische Wirkung des weißen Kaffee-Kryptonits metaphorisch zu bekräftigen, packt Glaubitz an dieser Stelle eine Anekdoten aus: Für seine damalige Freundin hatte er eines Abends mit viel Mühe ein Saarländisches Kartoffelgericht zubereitet und als er ihr es servierte, fragte sie zu seinem entsetzen nach Ketchup, mit der Begründung, dass käme auf alle ihre warmen Mahlzeiten. Sein eindringliches Bitten es zu lassen wurde ignoriert und der Geschmackskiller schoss auf den Teller nieder. Die Geschichte unterstreicht er mit einer solch dramatischen Stimmlage, dass man für einen kurzen Moment Mitleid empfindet und in Gedanken sich selbst ein sofortiges Milchverbot für Kaffee ausspricht.

In Jürgens P. Kaffee-Seminaren, welche er seit letztem Jahr im 24grad anbietet, geht es zwar auch um solche Dinge, aber auch um ernstere Themen. Neben dem vermitteln seines Fachwissens in den Bereichen Espresso-, Röstkaffee-Zubereitung und allgemeinem Kaffeewissen, möchte er die Teilnehmer auch für ökologische Problematiken sensibilisieren, wobei Kaffee nur als Beispiel dient.

Mir geht es auch um Konsumkritk.
„Wenn etwas in unserem Wirtschaftsleben verändert werden soll, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit in den Fokus gerückt werden sollen, fängt das bei den Konsumenten an.“ Der Zeigefinger bleibe dabei aber unten, dass sei ihm ebenso wichtig, wie er beteuert.

Einsteiger sollten einmal nach der "Brew Bar" fragen. Hier zelebrieren Kaffeeliebhaber Aufbrühmethoden, von denen jede die Aromen der unterschiedlicher Sorten und Röstungen anders betont. Bei einen hälfte der sechs Methoden kommen unterschiedliche Filterpapier zum Einsatz, bei der anderen unterschiedliche Maschinen. Hier bleiben die Kaffee-Öle im Getränk und prägen damit den Geschmack.

Kurze Kaffee-Pause

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Das sich das 24grad zu dem entwickelt hat, was es heute bietet und wie es eingerichtet ist, war von den Inhabern Glaubitz und Piechaczeks eigentlich gar nicht so geplant. Als sie 2009 ihr Ladenlokal eröffneten, sah ihr Konzept lediglich den Verkauf von Kaffee-Spezialitäten vor, deren Basis auf direkt importieren Rohbohnen kleinerer Kaffee-Farmen und Bauern basiert und durch die eigens durchgeführte Röstung zu einem hochwertigen Endprodukt konvertieren. Diese Idee entwickelte sich aus Piechaczeks Dissertationsthema heraus.

Dafür verbrachte er zwei Jahre in Kolumbien, um zu untersuchen, wie sich nachhaltiger Anbau und hochwertiger Kaffeeanbau für kleinbäuerliche Kaffeepflanzergruppen auswirkt. Die ernüchternde Realität, dass es auch bei der Entwicklungshilfe nur „um Ehrgeiz und wie viel Paper hauen wir raus und so weiter“ geht, wie Glaubitz es formuliert, brachte den Promovierten Jürgen zu dem Gedanken, dass man selber tätig werden muss, um wenigstens einen kleinen Beitrag zur Besserung der Situation zu leisten. Doch zuvor musste Piechaczek erst einmal eine übermehrere Woche anhaltende, schwere Krankheit überwinden. So brachte er neben neuen fachlichen, auch tiefgreifende, persönliche Erkenntnissen mit nach Hause.

Wieder genesen und zurück in Deutschland, musste er seinen langjährigen Uni-Freund Markus, von seinen Plänen, nicht lange überzeugen. Die beiden Ernährungswissenschaftler wohnten zu dieser Zeit noch in Berlin, weswegen der Standort für Projekt dort vorgesehen war. Aber wie in allen Metropolen dieser Welt, sind mietbare Verkaufsflächen in guter Lage zum einen rar und zum anderen Hochpreisig. Der Zufall wollte es wohl, dass sich ein Teil von Glaubitz und Piechaczeks sozialem Netzwerk in Hannover niedergelassen hatte, sodass sich die beiden relativ schnell einig wurden, in der Niedersächsischen Hauptstadt komplett neu durchzustarten. „Wir wollten Bohnen verkaufen. Wir wollten mit Bohnen handeln. Wir wollten die Bohnen beziehen und an die Gastronomie beziehungsweise an den Endverbraucher weiter geben.“, erzählt Markus mit in seiner leidenschaftlichen, mitreißenden Art, die vor allem dann aufflammt, wenn es um Kaffee und das 24grad geht. Lediglich eine Verköstigungsstation sollte es geben, mit dem Zweck, dass man sich vor Ort durch das Angebot probieren kann, um anschließend seinen persönlichen Favoriten
Abgesehen von ein paar Dellen, ging es von Anfang an Berg auf.
in gerösteter Bohnenform mit nach Hause zu nehmen. Wenn man weiß, dass das Konzept funktioniert, sollte man kein Risiko scheuen. „Die Erfahrung, die man als Existensgründer macht, ist, dass man Mutig sein muss.", resümiert Jürgen.

Allerdings gab es ein Problem, mit dem die beiden Oecotrophologen nicht gerechnet hatten. Hannover war und ist zwar Kaffee-Durstig, aber damals dürstete es vor allem den Nordstädtern nach einer entsprechenden Gastronomie. Und als immer wieder nach Sitzmöglichkeiten gefragt wurde, besser gesagt verlangt, stellte man fast etwas widerwillig ein paar Sessel und Beistelltische auf. Die heutige maximale Platzausnutzung des überschaubaren Gastraum und des Außenbereichs durch Sitzgelegenheiten, zeugen von der Überzeugungskraft der 24grad Gäste und ihre Besitzer sind letzten Endes dankbar und Markus sieht der Entwicklung auch weiterhin gelassen entgegen.

Es hat seine eigene Dynamik und so wird es in Zukunft wahrscheinlich auch eigene Dynamiken einnehmen.
Wie genau Markus Glaubitz und Jürgen Piechaczek die Zukunft des 24grad gestalten wollen, verraten sie nicht. Irgendwann mal möchte vielleicht mal ein zweites Geschäft eröffnen. Doch momentan sind täglich noch zu viele zu Dinge im laufenden Betrieb zu organisieren. Pläne liegen in der Schublade. Doch die bleiben erst einmal dort, bis das 24grad auch Autark ohne die Geschäftsführer läuft.
Vielen Dank, Markus und Jürgen. 
Wir sehen uns im 24grad.

24grad

Kaffeerösterei & Café
Engelbosteler Damm 52
30167 Hannover
T 0511 37074732
E info@24grad.net
W 24grad.net
geöffnet 08:00–19:00 Uhr

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